Berlin Festival, 07.-08.07.2009, Flughafen-Tempelhof
13. Aug 2009 von Kerstin R.
Peter Doherty
Nach einem Jahr Pause feierte die Hauptstadt ihr Festival dieses Jahr auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof mit internationalem und elektronisch angehauchtem Line-Up.
Ein Festival mitten in der Stadt auf einem stillgelegten Flughafen, eine traumhafte Location haben sich die Berliner da für ihr Festival ausgesucht. Leider hat es jedoch noch mit einigen organisatorischen Problemen zu kämpfen. Dazu aber gleich mehr. Nachdem der Zuschauer „eingecheckt“ hat, geht es raus auf das Vorfeld des Flughafens, wo die beiden Bühnen verteilt sind. Damit auch niemand vergisst wo er sich befindet, erinnert weiter hinten ein Rosinenbomber die Zuschauer an die geschichtsträchtigen Ereignisse des Flughafens.
Die Mainstage befindet sich in einem riesigen Hangar, der genügend Platz für das 10.000 Zuschauer fassende Festival bietet, während die die Second Stage unter einem Vordach positioniert ist. Wettertechnisch ist man also selbst bei Regen bestens gerüstet, was jedoch bei Sonne und Temperaturen um die 30C dieses Jahr nicht nötig gewesen wäre.
Soundtechnisch ist das Ganze alles andere als erste Sahne. Gerade in dem Hangar haben die Bands mit dem schlechten Sound zu kämpfen, der nur in den ersten Reihen gut verständlich ist. Je weiter hinten man sich befindet, umso undifferenzierbarer kommen die Töne dann an. Besonders die Bässe haben hier zu leiden. Um solchen Soundprobleme aus dem Weg zu gehen, wäre es vielleicht ratsamer –wenn möglich- in den nächsten Jahren auf ein Openairfestival zu setzen, das Rollfeld des Flughafens böte in jedem Fall genügend Platz.
Ein weiterer bitterer Beigeschmack neben den Preisen für die Getränke, bei denen man 3 Euro allein für Wasser bezahlt, ist die allgegenwärtige Zigarettenwerbung mit der man direkt nach Einlass konfrontiert wird. Denn die erste Frage nachdem man das Feld betreten hat lautet gleich: „Rauchst du?“ und ein freundliches Promotion Mädchen bietet einem lächelnd eine Zigarette an. Auf solche Werbung kann man gut und gerne verzichten. Nun aber zurück zum wichtigsten: der Musik.
Tag 1:
Das Festival eröffnen dürfen an diesem Freitagnachmittag die trinkfesten Iren von Humanzi. Eine reichlich undankbare Aufgabe, ist das Festivalgelände um die Uhrzeit doch noch so gut wie leer. Vor vielleicht 25 Zuschauern bemühen sich die Jungs aber dennoch eine gute Show zu liefern. Sänger Shaun Mulrooney wirkt fitter und gesünder als zuletzt, aber die Musik ist letztlich dank des schlechten Sounds fast nicht zu verstehen.

Dear Reader
Eine erste positive Überraschung sind die Südafrikaner von Dear Reader. Die Jungs und Mädels, die gar nicht so recht in die riesige Halle passen wollen, laden mit ihrem ruhigen und melancholischen Folk-Pop zum träumen ein. Mit Instrumenten wie Piano und Bratsche stechen sie ein wenig aus dem Einheitsbrei ihrer Kollegen hervor. Neben Songs aus ihrem Debütalbum spielen sie heute mit „Heavy“ auch einen neues Lied, das einen gespannt auf eine neue Cd blicken lässt. Nach viel zu kurzen 40 Minuten beenden Dear Reader dann auch schon ihr Set mit „Better Than This“ einem Song, der noch aus Harris Tweed – so nannte sich die Band, bevor sie sich in Dear Reader umbenannte- Zeiten stammt.
Auf der Second Stage steht nun die erste Band aus der Hauptstadt auf der Bühne: Bodi Bill. Die Berliner wissen die Leute vor allem mit ihrem Hit „I like Holden Caulfield“ zum tanzen zu bringen und liefern auch sonst eine energetische Show mit schrillen Lichteffekten. Ihre wilde Mischung aus Folk und Rock wird begeistert gefeiert.
Mit Saint Etienne betreten nun drei Engländer die Bühne, die als Vorreiter des Electros gelten. Seit 19 Jahren gibt es das Trio nun schon und gerade auf der Insel sind sie richtige Pioniere auf ihrem Gebiet. Anfang dieses Jahres veröffentlichen sie ihr 35 Songs umfassendes Best Of. Allein an der Songfülle einer Cd dieses Formates dürfte klar sein, dass die drei auf nicht wenige Veröffentlichungen zurückblicken können. Ihre Musik, eine Mischung aus Electro und Pop mit gelegentlichen Ausflügen in den Technobereich. Saint Etienne bieten heute einen gelungenen Querschnitt ihrer Karriere und verbreiten auch ohne große Show und dank der Bühnenpräsenz von Sarah Cracknell, gute Laune von der die Berliner sich gerne anstecken lassen.
Enttäuschend hingegen ist der Auftritt des Hip Hoppers Dendemann, der im Vorfeld viel gelobt wurde, heute leider nicht überzeugen kann. Aber auch er ist einmal mehr Opfer des Hangars und den dortigen Problemen.

WhoMadeWho
Richtig zum kochen bringen die Menge erst die Dänen von Whomadewho, das erste Highlight des Tages. Ungewöhnlich normale Bühnenoutfits tragen die Dänen heute, denn eigentlich sind die Jungs dafür bekannt in selbstentworfenen – gerne auch Ganzkörper – Kostümen auf der Bühne rumzuhüpfen. Aber da sie schon so oft in Berlin gespielt haben und nun nicht mehr wissen, wie sie das Berliner Publikum noch überraschen sollen, haben sie sich heute für ganz normale weiße Shirts entschieden. Whomadewho unterstreichen denn auch eindrucksvoll, warum sie Live ein Erlebnis sind, ganz egal was sie tragen. Ihre Musik, eine eingängige Mischung aus Electro, Rock, Disco und Funk, die Live vorgetragen noch um einiges zwingender wirkt als auf Cd. Allen voran der Hit „Space For Rent“ ihres Debütalbums bringt die Zuschauer zum Ausrasten. Ein Auftritt von deren Sorte man sich mehr gewünscht hätte an diesem ersten Festivaltag.
Nun ist es langsam Zeit für den Headliner des heutigen Abends. Kommt er oder kommt er nicht? Diese zentrale Frage begleitet Pete Doherty, der seit seinem Soloalbum nur noch Peter genannt werden möchte, seit Jahren. Jedoch scheint er sich in letzter Zeit etwas gefangen zu haben und auch heute steht er ungewöhnlich pünktlich um 0:30 Uhr auf der Bühne.
Nur mit seiner Akustikgitarre und zwei Ballett-Tänzerinnen begleitet, die etwas fehl am Platz wirken, ist der Sound heute zum ersten Mal mehr als akzeptabel im Hangar. Neben Songs von seinem ersten offiziellen Soloalbum „Grace/Wastelands“ spielt Pete Libertines-Klassiker wie „Can’t Stand Me Now“ und „Music When The Lights Go Out“ sowie Babyshambles-Hits wie „Delivery“. Einzig und allein auf „Fuck Forever“ wartet man heute vergebens. Schon der Beginn mit „For Lovers“ ist berührend und wunderschön. Leider will der Funke nicht zu allen Zuschauern so recht überspringen. Die Halle, die mit gut 8.000 Zuschauern jetzt sehr gut gefüllt ist, ist einfach zu groß für Peters Vorhaben. Denn was in einem Club super funktioniert, wirkt in dem riesigen Raum etwas verloren und so hätten sich heute sicher einige die Unterstützung einer Band gewünscht. Hinzu kommt wohl die große Zahl an Zuschauern, die weniger wegen seiner Musik, sondern eher wegen der Person Peters hier sind. Trotz allem, Herr Doherty macht das Beste aus der Situation. Obwohl er alles andere als nüchtern wirkt und auf Publikumsansagen so gut wie gänzlich verzichtet, wirkt er überraschend fokussiert und konzentriert. Musikalisch kann man heute nichts an ihm aussetzen, die Töne trifft er problemlos und auch die Songauswahl passt wunderbar.
Das letzte Live-Konzert des Tages bestreiten dann Moderat, die kurzfristig für den erkrankten José Gonzales zum Line-Up hinzugefügt wurden und mit ihrer Drum’n Bass-Musik ein Kontrastprogramm zu Peters Auftritt liefern.
Wer danach immer noch nicht genug hat, kann sich ab 3.00 Uhr nachts von Peaches und ihrem Dj-Set beschallen lassen oder sich zu einem der vier anderen Dancefloors, ebenfalls mit namhaften Djs durchtanzen.
Tag 2

Jarvis Cocker
Nach durchgefeierter Nacht und dementsprechend weniger Schlaf geht es für viele Besucher des Festivals doch schon wieder recht früh zum Flughafen Tempelhof vorbei an den immer noch nervigen Promotion-Leuten, denn der Samstag bietet gleich zu Beginn ein erstes Highlight mit den Kilians. Vorher jedoch schüttelt man den letzten Schlaf zu I Might Be Wrong ab, die mit Indietronics-Klängen den Zuhörer sanft in den Tag starten lassen.
Dann kommen zu wirklich ungewöhnlich frühem Zeitpunkt die Kilians auf die Bühne. Eigentlich hätten sie einen späteren Slot verdient, denn obwohl zwar schon mehr Besucher vor der Mainstage stehen, kann man noch immer nicht von einem gut gefülltem Hangar sprechen, so dass eben auch die Stimmung noch nicht angemessen ist. Trotzdem geben die Jungs aus Dinslaken ihr Bestes und versuchen die Frühaufsteher vor der Bühne mit ihrem doch schon recht ansehnlichen Hit-Repertoire zu rocken. Ein kleiner Höhepunkt dann „Said And Done“, das von Sänger Simons großer Liebe handelt – Dinslaken (O-Ton Simon). Bei diesem sommerlichen Liedchen kann man gar nicht anders als im Takt mitwippen.
Da außerhalb des Hangars noch nicht viel los ist, außer eben Zigarettenpromotion und anderer Werbe-Schnick-Schnack, besorgt man nur schnell eine Stärkung an den diversen und reichhaltigen Imbissen, bei denen mal wieder besonders das White Trash Fast Food heraussticht, das mit weihnachtlicher Dekoration aufwartet. Pünktlich zu The Thermals füllt sich der Bereich vor der Mainstage dann wieder. Rumpelig-punkig oder wie die Band es wohl nennen würde No-Fi-ig geht es dann los. Und das springt auch auf die ersten Reihen vor der Bühne über, die die Band feiern. Ein großer Jubel geht durch die Reihen als die ersten Töne des Überhits „Pillar Of Salt“ erklingen. Wie kleine Gummibälle sieht man verschiedene Köpfe hoch und runter springen. Das finale Highlight des Sets bildet dann „Now We Can See“ vom aktuellen Album At The Bottom Of The Sea.

The Rifles
Nur eine kurze Verschnaufpause gibt es, als die Bühnendeko von The Rifles aufgebaut wird. Große grüne Banner mit dem Bandnamen werden drapiert, so dass einem auch gar nicht entgeht, wer da als nächstes die Bühne rocken wird. Ganz unspektakulär betreten die Londoner diese dann. Sänger Joel und Gitarrist Luke wirken mit ihren tief ins Gesicht gezogenen Hüten so, als müssten sie Spuren der letzten Nacht verstecken. Selbst wenn sie zu viel gefeiert haben sollten, merkt man das ihrer Performance nicht an. Mit ihrem straighten Rock bringen sie die Menge ordentlich ins Schwitzen mit Songs wie „Peace And Quiet“, „The Great Escape“ oder „Romeo And Julie“, aber auch kurze ruhige Momente, die beinahe romantisch anmuten, gibt es während ihres Sets als sie „Spend A Lifetime“ anstimmen. Nach dem Konzert sieht man dann doch ziemlich viele strahlende Gesichter.

Micachu & The Shapes
Bevor sich die Höhepunkte des Abends nähern, gibt es wieder kleine Stärkungen und längeres Warten an den Getränkeständen. Zwischendurch kann auch eine Runde am Kicker gespielt oder einfach im Liegestuhl gechillt werden. Auf dem Weg zu Jarvis Cocker gibt es dann die wirkliche Überraschung des Festivals. Auf der Second Stage spielen am Abend Micachu And The Shapes, die seit geraumer Zeit durch die Musikpresse als The Next Big Thing geistern. Naaaaa gut, nehmen wir die auch noch mit, denkt man sich da schnell, denn von den the next big things gibt es mittlerweile ja einfach zu viele. Was dann da aber auf der Bühne abgeht, ist der pure Wahnsinn. Drei zierliche Gestalten bearbeiten mit einer Spielfreude ihre unterschiedlichen Instrumente, die mit Alltagsgegenständen wie Flaschen und Konservendosen gepimpt sind und feiern ihre Musik wie Kinder in der Spielzeugwarenabteilung. Sicherlich ist die perkussive Elektro-Musik nicht für jedermann etwas, da insbesondere Micachu, die androgyne Sängerin und Gitarristin der Band, so ziemlich gegen alle Konventionen arbeitet, aber gerade diese Experimentierfreude und der Spaß an der Musik selbst, wirkt wie ein Funke, der auch das Feuer beim Publikum entfacht, denn immer größer wird die Traube vor der Bühne und wie gebannt starrt diese auf die Band.
Das Kontrastprogramm bietet danach auf der Mainstage Mr. Jarvis Cocker. Geschniegelt und gebügelt und anmutend wie ein Germanistik-Professor wandelt er auf die Bühne und animiert das jetzt zahlreiche und enthusiastische Publikum erst einmal zum Workout. Danach zeigt der doch schon betagtere Herr, dass man auch noch im gesetzten Alter rocken kann, was das Zeug hält. Nicht eine Sekunde kann er seinen Körper still halten. Mal wirkt er wie eine verschlungene Brezel, dann wieder shaked er lasziv seinen Popo oder schenkt einem Lautsprecher mit eindeutigen Posen seine gesamte Liebe. Zwischendrin beweist er mit deutschem Slang, dass er genau weiß, was abgeht. So sagt er: „Heute gehen wir steil“ bzw. „Du riechst nach Nuttendiesel“ Doch nicht nur sein Sinn für Humor und seine taktgenauen choreographisch-anspruchsvollen Verrenkungen bringen das Publikum in Ekstase, sondern auch die Songs des Mr. Cocker. Und wenn er dann singend feststellt: i could be your teddybear, fliegen auch schon mal rote Spitzenhöschen auf die Bühne. Zudem beweist Jarvis, dass er nicht nur mit seiner Musik zu verzaubern vermag, sondern auch Harry Potter Konkurrenz machen kann, da seine Hand doch tatsächlich die Namen seines Publikums errät,da sie mit aufgemalten Augen ausgestattet war. Ob allerdings besungene „Angela“ auch im Publikum stand, konnten wir noch nicht herausfinden, dafür erspürte Jarvis‘ Hand einen Hermann, eine Deidre und diverse andere Menschen.
Nach Jarvis gibt’s noch einen kleinen Abstecher bei Bonaparte, die allerdings schon so gut wie durch sind mit ihrem Set und nur noch ein letztes Mal zur Zugabe auf die Bühne kommen. Das Publikum vor der Bühne rastet aus. Wir sehen nur noch all den Konfettiflitter, wilde Kostüme und hören scheppernde Bässe aus sicherer Entfernung. Also doch wieder zurück zur Mainstage. Hier haben sich die Deichkind-Fans, die man schon den ganzen Tag über das Gelände verteilt gesehen hat, schon gut vor der Bühne postiert und noch bevor die Show beginnt, ist der Hangar bestimmt zu drei Viertel gefüllt. Als dann das wirklich lange, wenn nicht zu lange, in Teilen sehr düstere Intro auf den extra aufgebauten Leinwänden erscheint, gibt es die ersten Brunftschreie und freudiges Gegröhle in der Menge. Als dann die futuristisch angezogenen Herren von Deichkind auf der Bühne erscheinen, werden sie gefeiert wir die größten Rockstars dieses Universums. Von weiter hinten mutet das schon gigantisch an. Leider ist der Sound wirklich unter aller Kanone, so dass gerade im hinteren Bereich nur noch ein Klangmatsch ankommt und man beinahe den wohl größten Hit gleich zu Beginn des Set verpasst. YIPPIEH YIPPIEH YEAH YIPPIEH YEAH KRAWALL UND REMMIDEMMI… also nichts wie weiter nach vorn, auch wenn da nicht so viel Platz zum Dancen ist, wie benötigt wird. Egal, die Menge feiert sich und die Partygötter des Festivals. Und so geht es auch munter weiter. Ohne Publikumsansagen, ohne wirkliche Pausen, bis auf die sehr lange, aufs Abfeiern lassen angelegte nach „Remmidemmi“, wummern die Bässe und liefern Deichkind eine verrückte Bühnenshow, die aus einer Mischung aus Blue Man Group, Akrobatik, Dance-Performance und Varieté erinnert.
Wer danach noch kann, darf weiter feiern zum DJ-Set von Digitalism und weiteren DJs, die verteilt auf dem gesamten Gelände spielen. Viele der an diesem Tag wirklich zahlreichen Besucher genießen aber auch einfach den lauen Sommerabend, indem sie gemütlich essen und trinken oder mit Decken auf dem Asphalt liegen und den Tag Revue passieren lassen. Berlin, du bist so wunderbar!
Zusammenfassend kann man sagen, dass dieser zweitägige Partymarathon zwar anstrengend war, aber doch auch viel Spaß gemacht hat. Es bleibt zu wünschen, dass die Veranstalter das Potenzial der Location und auch ihrer Idee erkannt haben und die organisatorischen sowie Soundprobleme im nächsten Jahr hoffentlich ausmerzen. Dann dürfte einem Teil drei des Berlin Festivals nichts mehr im Weg stehen.
Ein Bericht von Julia F. und Kerstin
